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Harald Vogel: Laudatio für unsere Orgel

Orgel Spiel 800x534
Foto: L. Anbergen
Die wundersame Rückkehr der Orgel nach Leer, die für die Zorgvlietkerk in Scheveningen in der Werkstatt von Jürgen Ahrend und Gerhard Brunzema gebaut wurde, ist ein unvorhersehbarer Glücksfall. Sie fand eine Heimstatt in der katholischen Marienkirche, die ebenso wie die Orgel aus dem Jahre 1959 stammt. Die geräumige Kirche besitzt eine sehr gute Akustik und bringt die außergewöhnlichen Qualitäten dieser Orgel auf das Vorteilhafteste zur Geltung.

Für die noch junge Werkstatt in Leer-Loga war dieses Instrument die erste dreimanualige Orgel, die in ihrer kompakten Konstruktion, der historischen Bauweise des Pfeifenwerks, der klassischen Gestaltung und ihren außergewöhnlichen Klangqualitäten neue Maßstäbe im zeitgenössischen Orgelbau setzte. Ich kann mich noch gut an die Orgelreise im Jahre 1959 erinnern, die von der Sachverständigengruppe zur Vorbereitung des Orgelbaus in Bremen-Oberneuland als Erkundigungsreise durchgeführt wurde. Neben der Orgel in der Zorgvlietkerk in Scheveningen wurde dabei auch die damals noch neue Marcussen-Orgel in der Nicolaikerk in Utrecht besucht, die damals als ein wichtiges Vorbild des zeitgenössischen Orgelbaus galt. Es wurde dabei klar, dass die Klangqualitäten der Ahrend & Brunzema-Orgel unerreicht waren. Als ein Resultat erfolgte dann die Auftragsvergabe für die Orgel in Bremen-Oberneuland an Jürgen Ahrend und Gerhard Brunzema. Diese Orgel, deren 50jähriges Bestehen vor sechs Wochen gefeiert wurde, zeigt einen ähnlichen konstruktiven Aufbau mit dem Pedal im Hauptgehäuse in kompakter Bauweise. Für mich erhielt diese Orgel eine besondere Bedeutung, da ich in dem Jahrzehnt nach 1966 dort durch die großzügige Gastfreundschaft ihres Organisten Jan Goens die Anfangsphase der Norddeutschen Orgelakademie verorten konnte.

In Scheveningen war die treibende Kraft zum Bau der Ahrend & Brunzema-Orgel der niederländische Organist und Musikschriftsteller Willem Retze Talsma, der zu den profiliertesten Orgelspielern seiner Generation gehörte. Er war einer der drei Organisten, die bei den Aufnahmen aller damals gut spielbaren Schnitger-Orgel, die Radio Bremen für das Schnitger-Jubiläumsjahr 1969 machte, beteiligt waren.

Für mich war die Begegnung mit der Orgel in der Zorgvlietkerk in Scheveningen von ganz hoher Bedeutung. Ich erlebte in einer neuen Orgel einen Klang, der dem historischen Orgelrepertoire ebenbürtig war. Diese Erfahrung konnte ich bis dahin nur bei den historischen Orgeln machen. Es war gleichzeitig die Erfahrung, dass Hans Henny Jahnn mit seinem bekannten Diktum unrecht hatte: „Die große Vergangenheit der Orgel ist und bleibt ihre Vergangenheit und kann nur bedingt die Gegenwart berühren.“                  

Weiterhin erhielt ich den prägenden Eindruck, dass das durchschnittliche liturgische Orgelrepertoire auf dieser Orgel in seiner Wirkung verbessert wurde. Im Gesamtpaket von Musik und Klang war der bestimmende Qualitätsfaktor nicht die Musik, sondern der Klang. Das war die Erklärung für eine Frage, die bis heute besteht: Wie ist es möglich, dass es so eine herausragende flächendeckende Orgelkultur in den letzten 500 Jahren im ländlichen Nordseeküstengebiet ohne eine ähnlich bedeutendes Orgelrepertoire gab? Was wurde von den Dorforganisten auf diesen fantastischen Orgeln gespielt? Diese Frage kann für die Zeit nach dem 30jährigen Krieg dahingehend beantwortet werden, dass die Orgeln zum einfachen Choralspiel mit dem Gemeindegesang verwendet wurden. Aber in den anderthalb Jahrunderten nach der Reformation wurde die Orgel nicht allgemein zum Gemeindegesang gespielt. In den katholischen Landesteilen fand noch weit bis ins 18. Jahrhundert nach unseren heutigen musikwissenschaftlich geprägten Maßstäben ein übersimples liturgisches Orgelspiel statt, - wie eine Handschrift zeigt, die mir kürzlich von Franz-Josef Rahe zugänglich gemacht wurde.

Der Klang war der wichtigste Bestandteil des gottesdienstlichen Einsatzes der Orgel. Das ist vergleichbar mit den Glocken, wo auch der Klang der Hauptbestandteil der Wirkung ist, die melodische Komponente bei einzelnen Glocken abwesend ist und bei größeren Glockengeläuten nur aus rudimentären Tonfolgen besteht. Auch bei den alten Orgeln ist zunächst der Klang faszinierend und erst in zweiter Linie die Verbindung zu einem mehr oder weniger kunstvollen Repertoire.                     

Die Orgelkultur des 20. Jahrhunderts ist dagegen geprägt von der Präsenz des bedeutenden Orgelrepertoires. Jede Orgel wird daran gemessen, ob man darauf die Werke von Johann Sebastian Bach spielen kann. Das höchste Lob besteht darin, dass man das gesamte Orgelrepertoire oder zumindest einen repräsentativen Ausschnitt spielen kann. Dieses ästhetische Konzept ist eine Folge der mangelnden Klangqualitäten der modernen Orgeln. Nur durch die Verbindung mit den Meisterwerken der Orgelmusik gewinnen die Orgeln ein musikalisches Profil. Sie weisen deshalb ein hohes Maß an klanglicher Neutralität auf. Dadurch fällt nicht so sehr auf, dass man fast nichts in klanglich angemessener Weise darstellen kann.

Zurück zur Orgel, deren Rückkehr an ihren Herstellungsort heute gefeiert wird. Sie klingt besser als in Scheveningen, da die Kirche eine bessere Akustik besitzt und durch die historische Stimmung eine harmonischere Klangwirkung erzielt wird. Diese Orgel ist ein paradigmatisches Instrument, da hier zum ersten Mal in einem größeren neuen Instrument der ästhetische Anspruch eingelöst wurde, der uns bei den historischen Orgeln so beeindruckt:
Der angemessene Klang ist die Grundlage für die liturgische Orgelmusik auf hohem Niveau - ohne einen überzogenen kompositorischen Qualitätsanspruch.
Der angemessene Klang ist die Grundlage für die Wirkung des bedeutenden Orgelrepertoires - ohne den Anspruch einer überzogenen Stildiversität.

Unser Dank gilt Jürgen Ahrend und Hendrik Ahrend, die eine Werkstatt-Tradition begründet und weitergeführt haben, die den Anspruch der höchsten Qualität einlösen und entscheidende Maßstäbe für die Orgelkultur der Gegenwart und Zukunft gesetzt haben.

22. Januar 2017
Harald Vogel


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Foto: Dominique Guelette - Quelle: www.festival-orgues-namur.be
Zur Person: Prof. Dr. Harald Vogel ist Organist, Organloge und Professor an der Hochschule für Künste in Bremen. 1997 gründete er das Organeum in Weener. Anlässlich der festlichen Einweihung der Orgel in der Kirche St. Marien Leer-Loga hat Prof. Vogel diese Laudatio erstellt, die er krankheitsbedingt leider nicht selbst vortragen konnte. Dieses übernahm stellvertretend für ihn an diesem Tag der Orgelsachverständige des Bistums Osnabrück, Franz-Josef Rahe.